Es existieren keine Genres mehr, Publikum und Performer machen die Musik gemeinsam und Niemand filmt dabei mit dem Mobiltelefon … PC Nackt über Musik, Träume und das neue Album von THE STRING THEORY

Hallo Patrick und Danke dass Du Dir Zeit nimmst mit Uns über einer Deine Projekte zu reden, nämlich über THE STRING THEORY. Als erstes für unsere Leser die Euch noch nicht kennen, kannst DU uns was zu Entstehung Eures Projekt sagen?

PC Nackt: Am Anfang stand die Idee von Ben Lauber und mir, Künstler der Berliner Kunstszene zu einem gemeinsamen Projekt zusammenzuführen. Der Begriff Orchester half uns dabei, Genres und Formate zu überbrücken. Durch die Streicherarrangements, werden schließlich aus ursprünglich zb. HipHop- oder Punkstücken, eben Orchesterstücke, stilistisch nicht mehr zu unterscheiden…
Schliesslich haben wir daraus unseren philosophischen Kern abgeleitet: Durch ein multinationales Orchester auf globaler Ebene Grenzen (Sparten, Nationalität, Geschlecht, Alter, Hautfarbe, etc..) überwinden und mit der dabei entstehenden Schönheit und Kraft Menschen zu inspirieren .
Dass daraus schliesslich ein Beruf, unsere Karriere, geworden ist, ist auf verblüffende Art wundervoll !
 
Eure Erfolge mit dem Projekt sowohl mit „The Berlin String Theory“ aber auch mit „The Göteborg String Theory“ oder „Live In Europe“ sind eigentlich in Deutsch Musikszene mit keinem anderen Projekt vergleichbar, wo siehst Du eigentlich Euren Erfolg am stärksten?

PC Nackt: Jedes dieser Projekte steht für eine bestimmte Phase und markiert auch einen Meilenstein unserer Entwicklung – künstlerisch wie menschlich. In Schweden, auf Tour und schliesslich in Los Angeles haben wir jeweils neue Menschen, Kulturen und Methoden kennengelernt und sind so über die Zeit selbstbewusster und zielsicherer geworden. José Ist natürlich extra zu nennen : durch seine Unterstützung sind wir vom Berliner Liebhaberprojekt zum professionellen Ensemble mit internationaler Konzerterfahrung gereift. Ebenso Sekou Andrews – die Grammy Nominierung für unsere gemeinsame Platte hat uns vor allem in den USA viele Türen aufgestossen!
 
Das neue Album „The Los Angeles Suite“ erscheint in Kürze, wie würdest Du es mit einem Satz beschreiben?

PC Nackt: Sinfonische Orchestermusik mit Gesang und unkonventioneller Instrumentierung, innerhalb einer einmaligen Woche in einem Flugzeughangar neben LAX erfunden und eingespielt von brillianten Musikern aus Europa und den USA.

Ich persönlich gehöre zu den Menschen die versuchen Musik nicht in bestimmte schubladen zu stecken, aber als ich von meinem Bekannten angesprochen wurde auf Eure Musik habe ich es mit eine Mischung zwischen Jazz JMJ und Klassik beschreiben? Wie würdest Du es beschreiben??

PC Nackt: Ich empfinde die Einteilung in Sparten und Genres als widersprüchlich und sogar hinderlich, um frei zu agieren oder die Welt künstlerisch zu beschreiben. Unser Fokus liegt jedenfalls auf den Gemeinsamkeiten, nicht auf den Unterschieden. Daher habe Ich den Begriff “Postgenre” als Beschreibung unserer Musik liebgewonnen. Für mich bedeutet dies ein Überwinden von Zuordnungsversuchen und Limitierungen, also ein freies Schaffen und freies Hören.
 
Für mich gibt es zwei Stücke auf dem Album die extremst mich ansprechen. Zu einem ist es „no on believers a ghost“, es ist so sanft und doch kann es einen wirklich umhauen und zum nachdenken und fühlen bewegen. Wie ist dieser Stück entstanden?
Das zweite Stück war Moon Landing, was für mich persönlich einer der besten Stücke auf dem Album ist. Es erinnerte mich teilweise an die Klänge von Zero 7 aus deren Album „simple Things“. Kannst DU uns verraten wer Euch zu diesem Stück beeinflusst hat?

PC Nackt: Interessanterweise hast du Dir die beiden Stücke des amerikanischen Komponisten Daniel Clive McCallum rausgepicked. Da ja die ganze Platte innerhalb von 5 Tagen komplett entstehen musste, waren Ben und Ich nach 3 Tagen und Nächten des Komponieren und Aufnehmen so ziemlich am Ende unserer Kräfte! Zu unserem grossen Glück stellte sich heraus, dass der Oboist des Ensembles eigentlich selbst ein begnadeter Arrangeur und Komponist aus LA ist , eben Daniel. Spontan haben wir ihn daher um Hilfe gebeten : “könntest du dir vorstellen bis morgen früh ein Orchesterstück aus dieser Idee zu bauen ?”. Wohlgemerkt haben wir erst um 22 Uhr abends diese Frage gestellt.
Also hat Daniel auch 2 Nächte durchgemacht und diese beiden Tracks beigesteuert.
Eine tolle Bereicherung für die Platte und es hat die Idee der Kollaboration auch auf die Ebene der Arrangements erweitert. Ich finde es spricht für Deine Instinkte beim Musikhören und unsere Entscheidung den Komponistenkreis um Daniel zu erweitern, dass Dir seine beiden Stücke explizit aufgefallen sind 🙂
 
Kannst DU uns noch was zu den Aufnahmen in LA verraten, wie war die Arbeit in der Stadt der Engel? Gibt es grosse Unterschiede zwischen Berlin und LA? Sowohl von der Handhabung der Aufnahmen als auch von dem Puls der Stadt, die bestimmt auch einen Gewissen EInfluss auf das Material hat?

PC Nackt: Die Idee mit seiner Tätigkeit als Musiker reich zu werden, ist keine berlinerische. In Berlin, der vermeintlich billigsten Weltstadt Deutschlands, wäre diese Art von Erfolgsabsicht arg verdächtig und stünde schnell im Verdacht Authentizität zu kompromittieren und damit “uncool” zu sein. Ein Grund ist der fast hermetisch abgeschlossene deutschsprachige Musikmarkt , gut für die Artenvielfalt, deckelt er doch deutlich die ökonomischen Entfaltungsmöglichkeiten und auch Ansprüche.
LA als einer der globalen Hauptumschlagsplätze hingegen ist nahezu definiert von der Aus-/Absicht ( und auch der Notwendigkeit – LA ist ein teueres Pflaster !),weltweit Impact zu haben, mit der Aussicht dadurch auch zu krassem Wohlstand zu kommen . Bis es soweit ist, wird so getan als ob (..”fake it until you make it ..”) und es herrscht eine Kultur der permanenten Selbstdarstellung und Selbstoptimierung .
Beide Haltungen produzieren unterschiedliche Kunst und Menschen und für uns war es reinster Luxus, diese Freiheit der Berliner Ideen mit der Professionalität und Zielstrebigkeit der Musiker aus LA umsetzen zu dürfen.
Entstanden ist so die wahrscheinlich fetteste, am besten klingende String Theory Platte bisher.
 
Was veränderte sich für Euch mit dem neuem Label?? Wie beeinflusste es Eure Arbeit und Produktion? Wieviel künstlerische Freiheit wurde Euch genehmigt?

PC Nackt: Praktisch zum ersten Mal veröffentlichen wir eine String Theory-Platte nicht selbst, sondern haben in CloudsHill ein professionelles Team zur Vermarktung und zum Aufbau der Marke String Theory an unserer Seite. Die Zusammenarbeit berührt keine inhaltlichen musikalische Fragen, ausser natürlich zb. die gemeinsame Auswahl der Singles.. Dass ein so fähiges und starkes internationales Label Fan unserer Arbeit ist und auch an einen kommerziellen Erfolg unserer Arbeit glaubt, hat unser Selbstverständnis geschärft und ist natürlich eine riesen Motivation für uns, nicht nur an den Inhalten zu arbeiten , sondern auch zu versuchen weltweit unsere Hörer durch Tonträger noch besser zu erreichen …
 
Mit José González habt Ihr fünf Welttourneen gefeiert, was ist Dir persönlich lieber, Arbeit im Studio (mit The String Theory oder alleine) oder Live Musik unter deine Leitung? 

PC Nackt: Im Studio werden Ideen geboren und Ich kann konzentriert zeitaufwendige Klangideen erforschen und meiner alleinigen Kreativität folgen . Allerdings werden die Ideen schliesslich auf eine bestimmte Version reduziert und festgehalten. Bei Konzerten wird dann das Potenzial dieser Ideen ausgelotet, es entstehen “unendlich”viele Versionen in Echtzeit ( Eine Version pro Show ) und das Verhältnis zu den Songs wird im tiefer. Hinzu kommt dass die Reaktionen des Publikums diesen Prozess auf ungeahnte Art noch befeuern.
Für mich sind diese 2 Ebenen zwar nicht voneinander zu Trennen, aber wenn ich mich zwischen einem Leben ausschließlich im Labor Allein und einem Leben dauerhaft mit der String Theory als Gruppe weltweit auf Tour (natürlich mit den Kindern !) entscheiden müsste , würde Ich mir Letzteres Schicksal aussuchen!

Ich weiss es ist gerade nicht einfach über Live Auftritte zu sprechen aber besteht eine Chance dass Ihr mit „The Los Angeles Suite“ auf Deutschlandtour kommt?

PC Nackt: Möglich ist Alles, aber zur Zeit ist Nichts in unserer Hand. Der Rest ist Spekulation oder Wunschdenken 🙂

 
Danke für Deine Zeit, und jetzt kommen unsere Standard Fragen bei jedem Interview:
 
Wo würdest Du gerne auftreten? (ort)
PC Nackt: CarnegieHall,SidneyOpera
 
Mit wem würdest Du gerne ein Song aufnehmen?
PC Nackt: John Lennon
 
Nenne Drei Lieder aus deine Spotify Liste?
PC Nackt: Ich höre privat gern José , AphexTwin und Igor Stravinsky
 
Drei Künstler die Dich beeinflusst haben?
PC Nackt: José Gonzálés, Sascha Ring und Schorsch Kamerun
 
Dein bestes Konzert als Zuschauer?
PC Nackt: Radiohead in der Waldbühne am 11.September 2001
 
Dein bestes Konzert als Künstler?
PC Nackt: tut mir leid – es sind wirklich zuviele grossartige Momente und Orte um Einzelne herauszupicken…
 
Dein musikalisches Traum?
PC Nackt: Es existieren keine Genres mehr, Publikum und Performer machen die Musik gemeinsam und Niemand filmt dabei mit dem Mobiltelefon ..